Andacht von Pfarrerin Kaplick

Vom Einschlag eines Meteoriten bis zur Umweltkatastrophe. Filme, die das Ende unserer Welt inszenieren, sind beliebt. Die Geschichte geht immer so: Einer kleinen auserwählten Gruppe von Menschen gelingt es, sich zu retten. Sie bekämpft dann alle, die verantwortlich waren für den Untergang. Tech-Milliardäre und fromme Christen in den USA haben ähnliche Fantasien. – Apokalypsen gibt es, seit es Menschen gibt. Früher erzählten diese Untergangsszenarien von Naturgewalten, gegen die die Menschen ohnmächtig waren: wie zum Beispiel die große Sintflut mit der Familie Noah als Überlebende. Katastrophengeschichten sind besonders beliebt in Zeiten, in denen sich die Welt und das Leben der Einzelnen so stark verändert, dass Angst entsteht: Angst, dass nichts mehr sein wird wie vorher.
Die Propheten des Alten Testaments ritten sozusagen auf dieser Welle mit und sagten politische Katastrophen voraus. Aber sie hatten eine andere Intention: Sie wollten die Politiker dazu bringen, gerechter und sozialer zu handeln. Und auf Gott zu vertrauen, anstatt auf Waffen. Sie wollten zur Umkehr rufen. – Immer schon waren diese Untergangsbilder in Konkurrenz zu anderen Bildern: Solchen, die eine wunderbare Zukunft ankündigten. Sie locken mit einer heilen, geheilten Zukunft. Sie gehören zum Schönsten, so finde ich, was unsere Bibel zu bieten hat.
Der Spruch für den Monat November aus dem Jesajabuch (2,4 Basisbibel) und sein Kontext. haben die Vision eines friedlichen Jerusalem. Der Prophet spricht zu einem Volk Israel, das umzingelt ist von Großmächten, die es zerstören wollen. Und mitten in diese Bedrohung hinein, kommt ein Ton der Hoffnung: Gott sorgt für Recht unter den Völkern. Er schlichtet Streit zwischen mächtigen Staaten. Dann werden sie Pflugscharen schmieden aus den Klingen ihrer Schwerter. Und sie werden Winzermesser herstellen aus den Eisenspitzen ihrer Lanzen. Dann wird es kein einziges Volk mehr geben, das sein Schwert gegen ein anderes richtet. Niemand wird mehr für den Krieg ausgebildet.
Wir waren dieser Vision schon einmal näher. Um Gottes Willen: Nie wieder Krieg. Das hatte Europa nach zwei Weltkriegen gelernt. Friedensinstitutionen wie die UNO wurden gegründet, später die Europäische Gemeinschaft und andere internationale Zusammenschlüsse. Institute für Friedensforschung entstanden. Und überall wurde geübt, wie das geht mit dem Frieden. Denn der kommt nicht von selbst. Sondern muss hart erarbeitet werden. Es reicht nicht, die Kriegswerkzeuge umzubauen, man muss sozusagen die Menschen umbauen.
Und das geht so: Menschen werden dazu trainiert, nicht auf dem eigenen Recht zu bestehen. Sie werden angeregt, Fantasie zu entwickeln für den anderen Menschen. Wofür interessiert er sich, worüber macht sie sich Sorgen? Wovor hat mein Gegner Angst? Friedensarbeit – das bedeutet, sich selbst umzuschmieden und von der Haltung eines Menschen, der sich durchsetzen will, ohne Rücksicht auf Verluste und zu einem zu werden, der darauf achtet, dass alle gewinnen. Und das ist gar nicht so einfach. Denn tief in uns drin haben wir Reflexe wie ein Herdentier. Wir beschützen die zu uns gehören und die wir lieben. Und wenn die in Gefahr sind, sehen wir nur noch uns selbst. Der Slogan „America first“ hat hier eine seiner Wurzeln.
Eigentlich kann jeder Mensch wissen, was die heiligen Schriften der Christen und Juden schon seit Jahrtausenden predigen: Frieden funktioniert nur, wenn man Kompromisse schließt und zusammenarbeitet. Jeder Mensch soll zu seinem Recht kommen, dann kommt auch jeder zu Wohlstand. Kriege werfen alle Menschen zurück und verursachen unendliches Leid. Wie wäre es, Wettbewerb einmal nicht als Konkurrenz zu verstehen, sondern als Möglichkeit, Wissen und Kompetenzen zusammenwerfen, um gemeinsam Ideen zu entwickeln, die beste aller Welten zu bauen? Die sozialen Netzwerke ließen sich hierfür gut brauchen: Konstruktive Ideen teilen, statt Aufregung und Hass zu schüren. Und Mitstreiterinnen und Mitstreiter für den Frieden finden mit der Vision des Jesaja vor Augen und im Herzen – um der Zukunft unserer Kinder willen, um der Zukunft der Welt willen und – um Gottes willen. 
Manchmal denke ich mir: Eine*r allein, kann nichts bewirken. Dagegen spricht die Geschichte des Bildes vom Umschmieden der Schwerter, das Sie oben sehen. In der Zeit des Kalten Kriegs und des Wettrüstens in Ost und West, las der sächsische Jugendpfarrer Harald Bretschneider, die Vision von den Schwertern, die zu Pflugscharen werden – in der Variante des Micha-Buches. (Wie gut, dass wichtige Texte gleich zweimal in der Bibel vorkommen!)  Er begann, dieses Bild auf Stoff zu drucken, damit man es auf die Kleidung nähen konnte – als Protest gegen die Spirale der Aufrüstung. Für „textile Oberflächenveredlung“ brauchte es keine Genehmigung. Die Aufnäher verbreiteten sich wie im Flug und wurden zum Symbol der Friedensbewegung bis heute. Als sie 1982 in der DDR verboten wurden, schnitten die Menschen einfach ein rundes Loch in ihre Kleidung oder malten einen Kreis in der Größe des Aufnähers. Immer mehr wussten, von welcher Vision dieses Loch, dieser Kreis erzählt. Und später wird vor den letzten Resten des totalitären Systems einer sagen: Auf alles waren wir vorbereitet, nur nicht auf Kerzen, Gebete und diese Löcher.
Und so gehen wir weiter und tun so, als würde es gut werden können.